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Die Helden der Nacht:

Ein Schäfer erzählt vom Geheimnis der schwarzen Scharfe

Schwarze Schafe haben es nicht leicht. Wahrlich nicht. Sie stechen immer hervor, und egal, was sie angestellt haben, sie können niemals in der Masse untertauchen. Erstens, weil das mit der Tarnung bei ihnen einfach nicht funktioniert und zweitens, weil sie sowieso ausgegrenzt werden. Schwarze Scharfe haben nämlich nur selten Freunde. Sie sind immer „die anderen“ – diejenigen, um die der Rest der Herde geflissentlich einen Bogen macht, wenn es sich einrichten lässt. Denn Schafe sind nun mal ausgesprochene Routine - Liebhaber - sie mögen Abweichungen von der Norm nicht. Schon gar nicht, wenn diese Abweichungen ihre eigene Herden – Kameraden betreffen.

Mein Großvater führte trotzdem stets vier oder fünf schwarze Schafe in seiner Herde, und es war offensichtlich, dass er für die kleinen Außenseiter eine besondere Liebe empfand. Sie waren die einzigen Tiere, die er konsequent mit Kosenamen ansprach; die dunklen wurden nicht einfach mit einem barschen „Martha“  oder „Paule“ gerufen – sie hießen „Süssi“, „Zartli“ und es verging kein Tag, an dem er ihnen nicht heimlich eine besondere Leckerei zusteckte. Ich verstand das damals nicht – die Wolle eines einzigen schwarzen Schafes, so hatte ich gelernt, konnte den Wollertrag einer ganzen Herde verderben, doch als ich meinen Großvater dazu befragte, lächelte der alte Mann nur. „Die Hellen“, sagte er „mögen gute Wolle liefern. Aber die Leistung der Dunklen ist weit kostbarer als das – denn sie machen die Herzen ihrer Kameraden stark.“  Die Wahrheit dieser Worte begriff ich erst viel später: eine Herde, in der schwarze Schafe laufen, ist gelassener, weil die Tiere gelernt haben, das ungewöhnliche zu akzeptieren. Sie bewahren selbst dann die Ruhe, wenn nachts Wildschweine kommen und den Boden umgraben. Normalerweise würde eine derartige Störung sofort einen Fluchtreflex auslösen – in der Dunkelheit aber gehen die Tiere schlicht davon aus, dass die Schweine ihre schwarzen Kameraden sind, die einfach ihren üblen Missetaten nachgehen. Das funktioniert auch bei streunenden Hunden und vorbeirasenden Autos. Es ist beinah so, als würden die Schafe jedes Ärgernis, mit dem sie sich konfrontiert sehen, ihren schwarzen Kameraden anlasten. Ohne zu ahnen, dass ausgerechnet diese Außenseiter, die sie so sehr verschmähen, ihr Leben leichter machen.

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